RUNNING + WRITING

Warum wir laufen

17.April 2013

Offensichtlich müssen wir laufen, Haruki und ich, wie unter Zwang, warum sonst jeden Tag? Aber dann treiben uns scheinbar doch unterschiedliche Gründe. Ich laufe früh am Morgen, fast noch im Halbschlaf, meine erste Handlung des Tages. Ich erlebe mit, wie sich in der kühlen Morgenluft mein Kopf allmählich klärt. Irgendwann denke ich unweigerlich über die Stelle nach, an der ich gerade arbeite. Die Gedanken laufen ziemlich unkontrolliert, aber häufig erkenne ich dann Szenen und Entwicklungen, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Die sich jetzt genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Unterbewusstsein herausschälen. Am Ende meines morgendlichen Laufs weiß ich ziemlich genau, wie es heute weitergehen wird.

Haruki Murakami ist auch Frühaufsteher, er steht sogar noch vor mir auf, aber bei ihm geht es dann sofort ans Schreiben. Vier bis fünf Stunden, dann hört er auf, bevorzugt an einem Punkt, an dem er genau weiß, wie es am nächsten Tag weitergeht. Erst dann der Lauf, wie ein Akt der Befreiung, bei dem er sich löst und entspannt. Die Musikstöpsel im Ohr, an nichts denkend, oder wenn er denkt, fließen die Gedanken wie kleine bunte Wölkchen vorbei. Er braucht das Laufen nicht zum Schreiben, sondern für den Rest des Tages. Ich muss morgens erst den Endorphinschub aus meinem Körper spüren. Schwer vorstellbar, Schreiben ohne vorher zu laufen. Das Hoch durch die Endorphine, und dann gleich der Mittagsschlaf?

 

2013 Boston Marathon

21. April 2013

Ob Hariku Marukami den Boston Marathon je gelaufen ist? Ich bin darauf in seinem Running-Buch noch nicht gestoßen, vielleicht kommt das an späterer Stelle, aber er hat mehrfach monatelang in Cambridge gelebt, da sollte man es eigentlich erwarten. Er beschreibt die beliebte Langlaufstrecke am Charles River entlang, die ich auch bei jedem Besuch in Boston laufe. Vielleicht sind wir dort schon einmal aneinander vorbeigelaufen,  mit einem momentanen, sich aber sofort wieder verwischenden  Eindruck von dem anderen.

Ich habe den Boston Marathon dreimal absolviert. Das erst mal 1988, meine bis dahin beste Marathonzeit, dann  wieder beim Hundertsten, und zuletzt vor neun Jahren. Beim Hundertsten spielte die Zeit eigentlich keine Rolle, aber Bill Rogers, die Boston Marathon Legende, lag, wie ich später erfuhr, nur zwei Minuten vor mir. Zwei Minuten wären lässig in mir gewesen. Vor neun Jahren herrschte eine Hitze von  über dreißig Grad,  eine einzige Qual, aber ich habe durchgehalten und  war ich schnellster in meiner Altersklasse.

Die Stelle, an der die Bomben hochgingen, kenne ich gut. Vor neun Jahren warteten meine Frau und mein Trainer genau dort auf mich, beim Hundertsten standen dort meine Frau, meine Tochter und meine Eltern. An alles dachte man da, nur daran nicht. Nun hat sich mit der wunderbaren Erinnerung ein grauenvolles Erschrecken vermischt.

Für 2014 hatte ich mir Boston erneut vorgenommen. Aber fürs Erste ist mir der Spaß vergangen. Jedoch bereits eine Woche nach den Bomben regt sich die andere Stimme in mir: jetzt erst recht! Vielleicht läuft Haruki mit mir zusammen. Man darf sich nicht unterkriegen lassen.

Regen

05. Mai 2013

Wenn es regnet, bleibe ich zu Hause und wechsle aufs Laufband um, zwar unwillig, aber ausfallen lass ich den Lauf wetterbedingt nicht. Allerdings, wenn es während des Laufs  zu regnen beginnt, mache ich weiter, auch wenn ich erst hundert Meter zurückgelegt habe. Plötzlich macht der Regen nichts mehr aus, ganz im Gegenteil, als steigere sich die Produktion der Endorphine. Haruki Murakami  läuft einfach jeden Tag, egal ob Regen, Sturm, Schnee oder Eis. Er muss abgehärteter sein als ich. Oder nur sturer.

Einer meiner schönsten Läufe war vor Jahren im Sommer im Central Park in New York.  Ein drückend schwüler Tag, die Luft schwer, gefüllt mit dämpfigem  Meeresgeruch.  Beim Laufen war man sofort nassgeschwitzt. Plötzlich fing es zu regnen an. Ein warmer Sommerregen, als hätte sich die Schwüle zu Regentropfen verdichtet. Der Regen brachte etwas aufregend Befreiendes, je nässer ich wurde, umso übermütiger meine Stimmung.  Ich fing den Regen auf der ausgestreckten Zunge auf, lachte und sang laut vor mich hin, kindisch, ja, aber wann lässt sich  ein kindisches Glück auf diese Weise nochmal am eigenen Leib  erleben?  Beim Abendessen in einem der  vornehmen New Yorker Restaurants versuchte ich vergeblich, den anderen diese Erfahrung zu vermitteln. Das muss man  selbst erlebt haben, wenn eine Reihe besonderer Umstände aufeinander treffen und etwas völlig Alltägliches zum Außergewöhnlichen machen. Ein Gefühl wie Sex.

Haruki und Sex. Ich bin noch nicht mit seinem Buch durch, aber bisher habe ich nichts zu Running und Sex gefunden. Sollte man eigentlich erwarten. Aber vielleicht ist er nie an einem schwülen Sommertag im Central Park im Regen gejoggt.